Sonntag, 23. September 2012

"Vom Winde verweht" von Margaret Mitchell

"Scarlett O'Hara war nicht eigentlich schön zu nennen. Wenn aber Männer in ihren Bann gerieten, wie jetzt die Zwillinge Tarleton, so wurden sie dessen meist nicht gewahr. Allzu unvermittelt zeichneten sich in ihrem Gesicht die zarten Züge ihrer Mutter, einer Aristokration aus französischem Geblüt, neben den derben Linien ihres urwüchsigen irischen Vaters ab."


"Vom Winde verweht" von Margaret Mitchell

Verlag: Heyne (1992)
Format: TB, 1038 Seiten
ISBN: 3-453-05253-6
Originaltitel: "Gone with the Wind" (1936)

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Klappentext


Millionen von Menschen hat sie schon zu Tränen gerührt, die tragische Geschichte der schönen Scarlett O'Hara. Vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs, der das Ende der feudalen Südstaaten-Gesellschaft besiegelt, gelingt es Scarlett, ihre Familie und die Plantage Tara zu retten, aber der Preis ist hoch...


Meine Meinung


Um ehrlich zu sein, hatte ich fast mit einem Roman gerechnet, der sich zusätzlich zu seinen 1038 Seiten auch noch inhaltlich ziehen würde. Aber nein! Nachdem es zu Beginn eine kleine Durststrecke gibt, fließt die Geschichte danach angenehm lesbar und immer mit einer gewissen Spannung unterlegt weiter. Hauptperson ist die junge Südstaatlerin Scarlett O'Hara, die der Leser etwa 10 Jahre lang (von 1861-71) begleitet. Aufgeteilt ist der Roman in fünf Bücher und 58 Kapitel, das offene Ende lässt Platz für eigene Vorstellungen, sowie auch einige Nachfolgerromane.

Scarlett ist erst 16 Jahre alt und voll von jugendlicher Naivität, als der Sezessionskrieg ausbricht und ihre Welt für immer verändern wird. Von Anfang an wird sie als selbstsüchtig und arrogant dargestellt, was sich im Laufe des Romans auch nicht wesentlich ändert. Was sich allerdings ändert ist Scarletts Grundhaltung: geht es ihr in jungen Jahren nur um sich selbst, erkennt sie während den Entbehrungen des Krieges, dass sie nicht nur für sich, sondern auch für ihre Familie und ihr Zuhause, die Plantage Tara, verantworlich ist. Sie ist eine starke junge Frau, die jedes Joch auf sich nimmt, unter dem andere gleich zusammenbrechen würden. Nur ihr verdanken viele Menschen ihr Leben, nur duch ihren Einsatz kann die Plantage gerettet werden. Den Menschen in ihrem Umfeld erscheinen ihre Mittel und ihre Moral oft fragwürdig, doch als Leser kann man ihre Beweggründe sehr gut nachvollziehen.

Neben der erfundenen Geschichte um Scarlett, ihre große Liebe Ashley, dessen Frau Melanie und den undurchsichtigen Kapitän Rhett Butler steckt auch noch sehr viel historisches Fachwissen in dem Buch. Ich muss zugeben, dass ich oft nicht mitkam, als von diesem oder jenem General die Rede war, der die Schlacht an diesem oder jenem Schauplatz geführt hat, welche eine Grenze oder einen anderen wichtigen Punkt der Südstaaten darstellte. Vielleicht wäre eine Karte nicht schlecht gewesen. 

Der Roman zeichnet ein authentisches Bild der Gesellschaft der Südstaaten und insbesondere der Frauen, stellt die Verhältnisse der Schwarzen untereinander und zu der weißen Gesellschaft dar und schildert eindrucksvoll die schwere Zeit während und nach dem Krieg. Oft fallen die Worte "Neger" und "Nigger", was wohl der Entstehungszeit und dem Schauplatz geschuldet ist. Generell mutet die Sprache etwas angestaubt an, was aber nicht weiter stört, wenn man sich ein wenig eingelesen hat.

Vieles an der Geschichte hat mich erstaunt, zum Beispiel, dass schwarze Hausangestellte auf die schwarzen Feldarbeiter herabgesehen haben, dass Witwen in den Zeiten vor dem Krieg nicht noch einmal geheiratet haben oder das Schwangerschaften ein Tabuthema waren und die Frauen die 9 Monate annähernd nur im Haus verbracht haben. Die Entstehung des Ku-Klux-Klans habe ich zum ersten mal aus einer anderen Perspektive gesehen und auch die Missstände, die durch die plötzliche, nur eigennützige Befreiung der Sklaven durch die Nordstaatler auftraten.

Ob alles wirklich historisch korrekt ist, was in dem Roman beschrieben wurde, kann ich nicht beurteilen. Aber ich halte das Buch für außerordentlich gut recherchiert, schrieb Margaret Mitchell doch 10 Jahre lang daran. Ich habe das Buch wirklich gern gelesen und war auch verhältnismäßig schnell damit durch. Ich vergebe 5 von 5 Wolken für diesen genialen Roman!

Anmerkung: Ich habe eine eigene Ausgabe des Romans, erschienen 1964 im Fackelverlag. Da das jedoch ein Hardcover ist, griff ich zu dem Taschenbuch meiner Mutter (s.o.). Ich weiß nicht, wie es in meiner Ausgabe ist, doch das Taschenbuch hat mich sehr geärgert - es strotzt nur so vor Fehlern! Oft fehlen Satzzeichen oder wurden falsche Worte gedruckt. Gelegentlich wurden sogar Namen verwechselt. Die Fehler traten wirklich auffallend oft auf und sind wohl entweder dem Übersetzer oder dem Herausgeber geschuldet. Ich hoffe, dass diese Fehler in neueren Ausgaben behoben wurden.


Verfilmung

1939, nur zwei Jahre nach Erscheinen des erfolgreichen Romans, erschien die Verfilmung mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen. Er ist einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Obwohl der Film, der ganze 4 Stunden dauert, an einigen Stellen auffällig vom Buch abweicht, ist er einfach brilliant. Es war wohl einfach nicht möglich, sich noch enger an die Romanvorlage zu halten. Zum Beispiel fehlen Scarlett's erste beiden Kinder und auf dem Basar, wo zur Unterstützung des Lazaretts Schmuck gesammelt wird, gibt Melanie zuerst ihren Ehering, obwohl im Buch Scarlett den Anfang macht. Es gibt noch weitere Abweichungen, doch ich fand sie wie gesagt nicht weiter störend. Da hat es mich schon eher gestört, dass es nicht möglich war, genaue Beweggründe für verschiedenes Handeln zu verdeutlichen, was natürlich im Buch erläutert wird. Aber die Bücher sind ja meistens viel ausführlicher als die Romane.

Ich finde die Charaktere sehr gut umgesetzt, besonders Scarlett und Rhett. Nur Melanie hätte ich mir etwas schmächtiger und Ashley sehr viel hübscher vorgestellt.  Die Kostüme und die Kulissen sind berauschend, die Schauspieler einfach brilliant. Es gibt wenige sehr alte Filme, die ich mag, doch dieser gehört auf jeden Fall dazu. Doch leider haben auch bei diesem hier meine Lautsprecherboxen die Tiefen der typischen Musik nicht gepackt :D

Kommentare:

  1. Ich liebe auch beides, Film und Buch! Von dem Buch war ich aber ganz besonders begeistert und hätte vor dem Lesen nicht mit so vielen interessanten Infos gerechnet, von denen du auch geschrieben hast. Schade, dass das Buch von vielen als 'Kitsch' abgetan wird, denn das ist es, finde ich, überhaupt nicht.
    Grüße :)

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  2. DAS wird als Kitsch bezeichnet?? Das ist ja wohl weiter weg von Kitsch als vieles andere, was gerade so in den Bücherläden liegt.

    Kann wohl nur jemand sagen, ders nie gelesen hat ^^

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  3. Wow,du hast einen wirklich schönen Blog !

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  4. Ein Award für dich: http://zauberberggast.blogspot.de/2012/09/mein-zweiter-award-herzlichen-dank.html

    Toller Beitrag über "Vom Winde verweht"!
    LG Vicky

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  5. Hallo und vielen Dank für Deine tolle Rezension! Ich habe 'Vom Winde verweht' auch vor einiger Zeit gelesen und rezensiert (siehe hier im Biblionomicon). Ich kannte den Film ja schon als Kind, habe das Buch aber erst viel später gelesen und war begeistert, vom Detailreichtum und der historischen Genauigkeit, aber auch von der Qualität der Romanvorlage, nach der David O'Selznick seinen grandiosen Film gestaltet hat und für die er damals zurecht 10 Oscars bekommen hatte.
    Viele Grüße,
    Harald

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  6. @ Nicole und Zauberberggast: Danke!! ^^

    @ Harald: Ja, ich hab den Film auch zuletzt als Kind gesehen, irgendwann mal an Weihnachten, aber ich konnte mich an kaum noch was erinnern. Aber jetzt habe ich festgestellt, dass er einfach genial ist, genau wie das Buch (:

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)